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Vertrauen ist das noch lange nicht PDF Drucken

Die Finanzkrise ist ohne psychologischen und soziologischen Blick weder zu verstehen noch zu lösen

Uwe Weinreich beschreibt aus Sicht eine Wirtschaftspsychologen, der sich seit Jahren mit dem Thema Vertrauen in der Wirtschaft beschäftigt, welche Fehler gemacht werden und wie Vertrauen langfristigaufgebaut werden kann. Die Themen:

  • Die Bedeutung von Vertrauen in der derzeitigen Finanzkrise

  • Die drei Säulen der Finanzwelt: Gier, Angst und Vertrauen

  • Wie Vertrauen entsteht

  • Vertrauen wieder gewinnen

  • Langfristige Wirkung auf die Wirtschaft

Das Rettungspaket wirkt. Am Montag dieser Woche freuten sich Börsianer weltweit über erneut  steigende Kurse. Das Vertrauen ist zurückgekehrt. Wir sind gerettet.

Falsch! Genau das ist nicht der Fall, wie der Mittwoch gezeigt hat, auch wenn in den Tagen davor kein anderes Gut so sehr beschworen wurde wie Vertrauen. Politiker, Börsianer, Banker, Funktionäre, Journalisten und Experten aller Couleur waren sich darin einig, dass Anleger, Sparer und natürlich auch vermögenslose Bürger doch bitte wieder Vertrauen fassen sollten. Dabei ist das Beschwören von Vertrauen genauso wirksam wie singend um eine gefällte Eiche zu tanzen in der Hoffnung, dass sie wieder anwüchse. Jeder Mensch in einer Partnerschaft spürt bei dem Satz "du, wir müssen mal über Vertrauen sprechen" sehr genau, dass es ungemütlich wird. Wenn Vertrauen zum Thema wird, ist es gefährdet, spätestens ab diesem Moment.

Was hat dann Anfang der Woche zum hörbaren Aufatmen an den Börsen geführt? An erster Stelle natürlich das entschlossene Handeln der Politik. Kanzlerin Merkels Versprechen an die Sparer und die konkreten Maßnahmen, die in Deutschland, Europa und vielen anderen Ländern ergriffen wurden, haben die Angst reduziert. Der Druck ist vom Kessel genommen.  Obwohl es so aussieht, ist genau das kein Zeichen für Vertrauen, sondern eine Auswirkung  langsam weichender Angst. Wenn ich mit schweißnassen Händen und offenem Mund auf dem Zahnarztstuhl sitze und dann höre "Ihr Gebiss ist in bester Ordnung", entspannt sich die Muskulatur schlagartig, nicht weil mein Vertrauen in den Arzt gerade erheblich gewachsen ist, sondern weil jenes schnell rotierende, Kreischgeräusche fabrizierende Instrument jetzt brav in seiner Halterung auf den nächsten Patienten wartet. Im schlimmsten Falle nach einem Jahr auf mich. Eine Beruhigung, dadurch dass die Ursache für die Angst gemildert wurde, ist noch lange kein Vertrauensgewinn. Vertrauen ist komplexer, braucht mehr und besitzt weitreichendere Konsequenzen. Daher ist die Beruhigung auch so fragil. Das kleinste Anzeichen reicht, um die Talfahrt fortzusetzen. Und bereits am Mittwoch ist das passiert. Aus psychologischer Sicht ist damit zu rechnen, dass es noch lange Berg- und Talfahrten an der Börse geben wird. Zumindest so lange, bis wieder stabiles Vertrauen herrscht. Und das ist schwer zu erreichen. Doch dazu und wie es gelingen kann später mehr.

Wenn die Finanzkrise eine Tatsache kristallklar zum Ausdruck gebracht hat, dann ist es die Bedeutung von Vertrauen in der globalisierten Wirtschaft. Viele der Vertrauensbeschwörer haben sicher aus einem schwer zu begründenden und doch höchst treffsicheren Bauchgefühl heraus Vertrauen zum Thema gemacht und damit genau auf den wunden Punkt des Kapitalmarktes gezielt. Die Turbulenzen haben deutlich zutage gefördert, dass wir mit folgendem Szenario leben lernen müssen: Bricht das Vertrauen in die Früchte der globalen Geldströme zusammen, versiegen die Ströme schlagartig und lassen  eine Vielzahl Früchte tatsächlich vertrocknen. Mangelndes Vertrauen schafft aktiv die Situation, die es vermeiden will.

Die drei Säulen der Finanzwelt: Gier Angst und Vertrauen

Bisher spielte Vertrauen in der Wirtschaftstheorie eine untergeordnete Rolle. Eine konsistente Theorie mit empirisch abgesicherten Fakten befindet sich - wenn überhaupt - in einer sehr frühen Entwicklungsphase. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einer ist sicherlich, dass es sich um ein sehr menschliches, ja psychologisches und soziologisches Thema handelt. Geldflusstheorien liegen Wirtschaftswissenschaftlern nun mal näher als der komplexe Prozess des Vertrauensaufbaus. Ein weiterer wichtiger Grund liegt darin, dass wir beim Thema Vertrauen sehr schnell auch auf die dunkle Seite der Wirtschaft zu sprechen kommen müssen, wollen wir die Augen nicht vor den entscheidenden Faktoren verschließen. Es sind unschickliche menschliche Regungen: Gier und Angst.



 
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